Niemand braucht Vollformat !

Geht es nach der Fotoindustrie, dann sollen wir alle eine Vollformat-Kamera kaufen... oder gleich zwei...

Ich frage mich immer wieder: "brauche ich eine Vollformat Kamera?". Wenn es nach der Fotoindustrie geht "Ja", wenn es nach meiner Art der Fotografie geht "Nein". Ich frage mich natürlich auch, ob meine Bilder anders aussehen würden wenn ich eine Vollformatkamera verwendet hätte? Ich denke nicht!

Vollformat für's Ego - Was bei Auto-Enthusiasten der röhrende Auspuff ist, das ist bei Fotografen die dicke Vollformatkamera. Das Auto wird durch den fetten Auspuff nicht schneller oder der Komfort etwa besser, nein es wird nur lauter und man fällt schneller auf - und genau so ist es auch bei einer Vollformatkamera.

In der Vergangenheit konnte ich meine Kunden mit Fotos aus MFT oder APSC-Kameras beglücken und egal mit welcher Kamera ich diese Bilder gemacht habe, immer haben sie ein "wow - tolle Bilder" hervorgerufen. Keiner meiner Kunden hat also einen geschulten Blick dafür was eine MFT-Kamera von einer APSC-Kamera unterscheidet und schon gar nicht erkennen Sie den Unterschied zu einer Vollformatkamera. Es hat dabei auch keine Rolle gespielt ob die Bilder mit Blende F0.95 oder F8 entstanden sind.

Freistellung - Also wofür eine Vollformatkamera wenn es nicht die Freistellung ist, sondern es mehr auf die Bild-Komposition ankommt?

Im übrigen, ist die Freistellung des APS-C Sensors identisch zum Vollformatsensor. Gleiche Brennweite, gleiche Blende erzeugt auch tatsächlich die identische Freistellung.

Aber kommen wir mal zum hoch gelobten Thema Dynamik, also der Fähigkeit des Sensors ein großes Spektrum von sehr hellen und sehr dunklen Bildbereichen gut zu belichten.

Grundsätzlich sind die dynamischen Fähigkeiten heutiger Sensoren enorm gestiegen, nicht vergleichbar mit den Sensorgenerationen älterer Kameras. Darüber hinaus stehe ich auf dem Standpunkt, das Bild richtig und ausgewogen zu belichten ist nicht Aufgabe des Sensors sondern des Fotografen.

Gerade auch in diesem Zusammenhang stelle ich immer wieder ein interessantes Phänomen fest. Kontrastreiche Bilder die das Spiel von Licht und Schatten beherrschen, werden sehr oft von Betrachtern als extrem schön bewertet. Hingegen fallen Fotos die fast gleichförmig und ausgewogen belichtet sind im Interesse deutlich ab. Kontraste sind das Salz in der Suppe eines guten Fotos.

Dynamik - Wofür also eine Vollformatkamera wenn es nicht die Dynamik ist, sondern das Spiel von Licht und Schatten zur Essenz interessanter Bilder gehört?

Im übrigen, ist die Dynamik des APS-C Sensors identisch mit der Dynamik des Vollformatsensors, warum sollte sie denn auch anders sein? Es gibt überhaupt keinen physikalisch erklärbaren Grund dafür.

Wenn ich dann doch mal mit schwierigen Lichtsituationen umgehen muss und will, dann nutze ich ein Bracketing bei dem ich die Stärke der Dynamik deutlich besser unter Kontrolle habe (wenn ich sie denn überhaupt brauche).

Das Thema ISO-Performance ist ebenfalls oft ein zitierter Aspekt bei der Wahl zu einer Vollformatkamera, doch ist der Unterschied denn wirklich so signifikant anders? Zudem frage ich mich natürlich auch, was sollen das für Fotos sein die ich mit ISO 204.000 schieße? Nachtaufnahmen von sich paarenden Geckos in der Savanne Afrikas etwa?

In der Regel finden meine Aufnahmen eher tagsüber bei ausreichend Licht statt, im Gegenteil, ich habe sogar sehr oft das Problen viel zu viel Licht zu haben. Ich bin also kein "Nacht-Portrait-Fotograf". Zudem setze ich immer zusätzliche Lichtquellen ein, um Motive durch Licht und Schattenführung plastisch zu formen. Ich habe folglich keine Aufnahme in meinem Portfolio die mit mehr als ISO 3200 geschossen ist.

ISO | Die ISO-Performance der Vollformatkameras ist eher ein Marketing-Gag und Verkaufsargument, um unschlüssige und unerfahrene Käufer zu überzeugen.

Im übrigen, ist dies tatsächlich der einzige physikalisch erklärbare Vorteil der größeren Sensorfläche für die Nutzung deutlich höherer ISO-Werte.

Zugegeben, sicherlich sind Professionelle Berufsfotografen stets bemüht auch das letzte quentchen Qualität aus ihrem Werkzeug herauszuholen, das verstehe ich auch. So betrachtet macht es Sinn zu einer solchen Kamera zu greifen, denn dem hohen Kaufpreis steht folglich auch ein gehöriges Auftragsvolumen gegenüber und die Kundschaft solcher Fotografen ist auch in der Lage diese Qualität würdigend zu erkennen.

Wenn Sie also den Eindruck haben Ihre Bilder sind "nicht das gelbe vom Ei", dann ist die Vollformatkamera keine Lösung für Sie. Arbeiten Sie statt dessen an der Art der Fotografie, machen Sie Lehrgänge, unterhalten Sie sich mit anderen Fotografen, sammeln Sie Erfahrungen, verbessern Sie die Bildbearbeitung und und und. Eine neue Kamera verbessert nicht automatisch Ihre Fotos und ist also keine Lösung.

Gerade in Zeiten in denen die Menschen ihre realen Wände gegen die elektronischen Pin-Wände von Instagram, Facebook ausgetauscht haben und Bilder lediglich in 3x3cm Größe auf Smartphones dargestellt werden, sollte jeder für sich selbst ernsthaft überlegen ob er tatsächlich für den Preis eines gebrauchten Kleinwagens eine Vollformatkamera kaufen möchte. Die Menschen sind heutzutage mit Bildern vollkommen übersättigt und es lässt sich kaum noch Geld mit der Fotografie verdienen (es gibt nur noch wenige Ausnahmen).

Ihr Ray Getty